Category Archives: Veranstaltungsarchiv

Shida Bazyar

Sonntag, 27. März 2022, 17 Uhr

Hausboot im Kulturzentrum dasHaus, Bahnhofstraße 30, Ludwigshafen

Moderation: Anna-Katharina Gisbertz

» Bei Leuten wie euch ist man sich ja nie ganz sicher, welche Absurditäten ihr für wahr haltet und welche nicht, ob und was ihr uns glaubt und was ihr Leuten wie Saya zutraut und was nicht. Habt ihr gedacht, Saya hätte das Haus in Brand gesetzt? Seid ihr entsetzt, dass ich euch das unterstelle? Das tut mir leid. Aber man kann euch nun mal nur halb vertrauen; eigentlich will man es und tut es meistens auch. Aber dann weiß man trotzdem nicht, ob ihr von den Morden an nicht-weißen Personen eigentlich schon gehört habt, die uns nächtelang wachhielten und unsere Läden schließen ließen. «

(Aus: Drei Kameradinnen © Verlag Kiepenheuer & Witsch 2021)

Sharon Dodua Otoo

Adas Raum

Sonntag, 13. Februar 2022, 17 Uhr

Anmeldung für den kostenlosen Livestream über: gisela.kerntke@freenet.de

LIVE im Internet! Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstraße 25-27, Mannheim

Moderation: Eleonore Hefner

» … als ich gemerkt hatte, dass der Streifen unter meinem Bauchnabel wieder anfing, nachzudunkeln, liess ich nichts unversucht.

Zunächst betete ich zu Jehova, Gott der Weißen, denn mir wurde erzählt, er sei eifersüchtig, und ich dachte, er würde es mir bestimmt hoch anrechnen, dass ich mich mit meinem Anliegen zuerst an ihn wendete. So hatte ich meine Augen geschlossen, meine Hände ineinandergefaltet und meine Lippen eifrig bewegt.

Noch auf den Knien kam mir der Gedanke, dass es vorteilhaft wäre, gleich als Nächstes der Küstengottheit Ataa Naa Nyanimi zu huldigen, da die Kombination des männlichen „Ataa“ und des weiblichen „Naa“ sicherlich noch mächtiger wäre als die Einseitigkeit Jehovas. «

(Aus: Adas Raum © S. Fischer-Verlag 2021)

Olivia Wenzel

Sonntag, 16. Januar 2022, 17 Uhr

Stadtbücherei Frankenthal, Welschgasse 11, Frankenthal

Moderation: Nina Aleric

» Für mich ist es wahrscheinlicher, beim Spazierengehen an Brandenburger Seen von drei Nazis krankenhausreif geprügelt zu werden, als mitten in New York oder Berlin, irgendwo in der U-Bahn oder einem gemächlich kreisenden Restaurant, Opfer eines islamistischen Anschlags zu werden.

ODER ZUR TÄTERIN.

HAST DU ÖFTER SOLCHE FANTASIEN?

Ja.

WAS TUST DU DAGEGEN?

Wieso sollte ich etwas dagegen tun?

TREIBST DU SPORT? FÄHRST DU MANCHMAL RAUS IN DIE NATUR, GEHST DU KLETTERN ODER JOGGEN?

In Brandenburg?

WURDEST DU ÜBERHAUPT SCHON MAL VON DREI NAZIS >KRANKENHAUSREIF< GEPRÜGELT?

Mit 17 habe ich mir ständig gewünscht, dass es endlich passiert. Die Angst vor manchen Realitäten kann schlimmer sein als diese Realitäten selbst. «

(Aus: 1000 Serpentinen Angst © S. Fischer Verlag 2020)

Lena Gorelik

Sonntag, 28. November 2021, 17 Uhr

Online, Eintritt frei unter folgendem Zoom-Link: https://us02web.zoom.us/j/87825337787?pwd=ZHdhSjVHL0ZQRjZRM0JLL2VBZzVVQT09

Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstraße 25-27, Mannheim

Moderation: Daniel Rübel

» я heißt: ich. Ausgesprochen: ja.

Ich heißt auf Russisch я, ein Buchstabe nur. Der letzte im Alphabet. So wurden wir auch groß und erzogen:

„я последняябуква в алфавите“

„Ich ist der letzte Buchstabe im Alphabet.“

Das hat dann jedes

ich will

ich mag

ich muss

ichichich

mit der Faust erschlagen. Die Ordnung der Buchstaben, die uns Kindern den Egoismus austrieb, in aller Seelenruhe.

Ich erinnere mich, meistens leise.

„Ich will aber …“

„Ich ist der letzte Buchstabe im Alphabet.“

Ich will aber: diese Geschichte erzählen. Ich wünsche, dass diese Geschichte mir gehört. «

(Aus: Wer wir sind © Rowohlt Berlin Verlag, 2021)

Dmitrij Kapitelman

Sonntag, 21. November 2021, 17 Uhr

Hausboot im Kulturzentrum dasHaus, Bahnhofstraße 30, Ludwigshafen

Moderation: Viktoria Ong

» Früher tönte ich, mein Gesicht niemals unter einem Bundesadler sehen zu wollen. Und behauptete, es sei wegen der Shoa und der blutrünstigen Neonazis, die uns durch Leipziger Plattenbausiedlungen gejagt haben. Wegen der Zigaretten, die sie lachend an uns ausdrückten, den Kampfhunden, die sie auf uns hetzten, den Pistolen, die sie uns beim Eisessen am Kulkwitzer See an den Kopf hielten. Und den deutschen Polizisten, die nie etwas gegen die deutschen Nazis taten. Aber das war glatt gelogen. Ich war einfach zu faul für den ganzen Papierkram bei der Ausländerbehörde. Dem Dummdödel von damals war schlicht nicht klar, wie krass ein deutscher Ausweis privilegiert, wie sehr er das Leben erleichtert. «

(Aus: Eine Formalie in Kiew © Hanser Verlag 2021)

Jaroslav Rudiš

Sonntag, 21. März 2021, 17 Uhr per Livestream

ANMELDUNG ERFORDERLICH bei: gisela.kerntke@freenet.de

Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstraße 25-27, Mannheim

Moderation: Eleonore Hefner

» Der Zug verließ den Bahnhof und Winterberg schaute aus dem Fenster und zeigte zu ein paar alten grünen Eisenbahnwagen auf der anderen Seite.

„Ja, ja, sehen Sie Herr Kraus, die Schmalspurbahn nach Oybin der sächsischen Spurweite 750 Millimeter, spätestens wenn wir in Bosnien sind, werde ich Ihnen etwas über die bosnische Spurweite von 760 Millimeter erzählen, ja, ja, die bosnische Spurweite kann lebensgefährlich sein, davon könnte der Thronfolger einiges erzählen, wenn er nicht tot wäre, ja, ja. Ich werde Ihnen viel über den Schmalspurbahnenkrieg erzählen, der bis heute in Europa herrscht, da, sehen Sie, von Zittau fuhr früher ein Zug auch direkt nach Friedland, ja, ja, hier musste die Strecke abbiegen, ja, ja, genau. «

(Aus: Winterbergs letzte Reise © Luchterhand 2019)

Selim Özdogan

Sonntag, 14. März 2021, 17 Uhr ABGESAGT

Hausboot im Kulturzentrum dasHaus, Bahnhofstraße 30, Ludwigshafen

Vorstellung des Autors: Gisela Kerntke

» Abstand zu Menschen. Ich dachte es würde helfen. Es hat geholfen, jahrelang hat es geholfen. Und jetzt … Ich dachte, sie lügt. Was sollte das auch für eine Geschichte sein? Du hättest sie auch nicht geglaubt.

Ich erinnerte mich an die Nacht. Ich war bereits weggezogen aus Westmarkt, da war auch kein Blut an meinen Händen, aber niemand kam da sauber raus.

Ich saß in der Straßenbahn und Kamber stieg ein. Ich freute mich so, als ich ihn erkannte. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen. Es war so unwahrscheinlich, ihm so über den Weg zu laufen, es sah ihm nicht ähnlich, dass er Straßenbahn fuhr. Wir umarmten uns lange und als wir uns lösten, glänzten meine Augen wahrscheinlich, seine aber auch. Er war unterwegs zu Kerim und wir haben noch Paster abgeholt und sind dann zu viert losgezogen, ins Chronic, wo Dre lief, Gang Starr, Snoop, Geto Boys, R. Kelly, Wu Tang, das Slim-Shady-Album war vor ein paar Monaten erschienen. «

(Aus: Der die Träume hört © Edition Nautilus 2019)

Olivia Wenzel

Sonntag, 31. Januar 2021, 17 Uhr ABGESAGT

Stadtbücherei Frankenthal, Welschgasse 11, Frankenthal

Moderation: Nina Aleric

» Für mich ist es wahrscheinlicher, beim Spazierengehen an Brandenburger Seen von drei Nazis krankenhausreif geprügelt zu werden, als mitten in New York oder Berlin, irgendwo in der U-Bahn oder einem gemächlich kreisenden Restaurant, Opfer eines islamistischen Anschlags zu werden.

ODER ZUR TÄTERIN.

HAST DU ÖFTER SOLCHE FANTASIEN?

Ja.

WAS TUST DU DAGEGEN?

Wieso sollte ich etwas dagegen tun?

TREIBST DU SPORT? FÄHRST DU MANCHMAL RAUS IN DIE NATUR, GEHST DU KLETTERN ODER JOGGEN?

In Brandenburg?

WURDEST DU ÜBERHAUPT SCHON MAL VON DREI NAZIS >KRANKENHAUSREIF< GEPRÜGELT?

Mit 17 habe ich mir ständig gewünscht, dass es endlich passiert. Die Angst vor manchen Realitäten kann schlimmer sein als diese Realitäten selbst. «

(Aus: 1000 Serpentinen Angst © S. Fischer Verlag 2020)

Terézia Mora

Sonntag, 29. November 2020, 17 Uhr ABGESAGT

ERSATZTERMIN: Sonntag 9. Mai 2021, 17 Uhr

Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Hafenstraße 25-27, Mannheim

Moderation: PD Dr. Anna-Katharina Gisbertz

» Francesco Verla, genannt Tedesco, hatte Darius Kopp vor etwas mehr als einem Jahr am Rande eines Kraters der Monti Sartorius aufgefunden. Kopp hatte sich bei der Bergstation, wo die Straße für Normalsterbliche endet, unter dem Schutz der niedrig hängenden Wolken und des Sprühregens so lange an Kraterrändern und Pfaden durch die erkaltete Lava hin und her gewendet, bis er alle anderen (Touristen, Führer) aus den Augen verloren hatte, bzw., worum es eigentlich ging, bis sie ihn aus den Augen verloren hatten. Er hatte einen Job zu erledigen, für den er allein sein musste. «

(Aus: Auf dem Seil © Luchterhand 2019)

Marina Frenk

Sonntag, 25 Oktober 2020, 17 Uhr

Hausboot im Kulturzentrum dasHaus, Bahnhofstraße 30, Ludwigshafen

Moderation: Anna Barbara Dell

» „Wie heißen nochmal diese Puppen?“, frage ich.

„Aber am Montag reisen wir aus, hast du das vergessen?“, schreit mein Vater meine Mutter an.

„Musst du dich wohl an einem anderen Tag scheiden lassen“, lacht er.

„Welche Puppen, Kira?“, Mama weint.

„Diese an den Fäden?“

„Ach so … Mario … Marionetten“, schluchzt sie.

Marionetten, Marionetten … wiederhole ich immer wieder in meinem Kopf.

„Wohnen wir dann am Montag nicht mehr in Kishinjow?“, frage ich.

„Nein“, antwortet mein Vater, „und Kishinjow heißt jetzt wieder Chisinau“, sagt er verärgert.

„Deshalb ziehen wir ja weg“, schluchzt Mama, weil sie sich scheiden lassen will, aber am Montag geht es nicht. «

(Aus: ewig her und gar nicht wahr © Verlag Klaus Wagenbach 2020)

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